Kleine Geschichten, Fantasien und Erlebtes 150 Seiten
  
Geleitwort

In diesem Buch habe ich  Fantasien und Gedanken eingebunden, Erlebtes und  kuriose Ideen verarbeitet.

In Gesprächen mit meinem behinderten Sohn, während  langer Autofahrten zu seinem Ausbildungsplatz und zurück in die Heimat, kamen  erstaunliche Gedanken zutage.

Diese, seine Gedankengänge, zu verfolgen und auszuspinnen waren und sind mir ein Bedürfnis.

Immer auch sollte man zuhören und eintauchen in die Gedankenwelt der Jugend, es offenbart sich so viel Schönes und Wissenswertes darin.

Ungelebte Fantasien, Wunschdenken, Vermutungen, nicht zuletzt Hoffnungen auf Erfüllung fantastischer Geschehnisse.

Viele meiner Hoffnungen, an die ich selbst noch immer festhalte, komme was da wolle, haben mir Enttäuschungen, aber auch Erkenntnisse beschert.

Am ärgsten aber bin ich immer wieder erschrocken und erschüttert, von der Unzulänglichkeit der Menschen im Allgemeinen.

Da schließe ich ganz besonders, die mit Intelligenz behafteten, Studierten und  Regierenden, nicht aus!

Man macht halt so seine Erfahrungen!

Wie schon gesagt, ich bin wirklich eine alte Meckerziege!

 

Unheimliche Düfte

Es war an diesem frühherbstlichen, aber noch recht lauen Abend nun doch zu spät geworden, um den letzten Bus zu erreichen. Also machte sie sich zu Fuß auf den Heimweg. Zwei Haltestellen waren es, die würde sie schon geregelt bekommen. Mit dem Bus fuhr sie ohnehin nur, weil sie zu Fuß eine ihr unangenehme Gegend zu durchqueren hatte.
Bei Tag sah das alles noch ganz annehmbar aus. Und wenn es noch hell genug war, lief sie sehr gern ein paar Schritte, um sich nach langen Bürostunden etwas Bewegung zu verschaffen.
Auch des morgens früh nahm sie diesen Weg, wenn es hell genug war, um sich nicht fürchten zu müssen. Hier war zuviel Ruhe und Stille, nie hatte sie in den Vorgärten spielende Kinder gesehen; irgendwie unheimlich. Auch die Menschen, die hier zu wohnen und zu leben schienen, waren ihr nicht bekannt.
So eilte sie schnellen Schrittes, mitunter tief in Gedanken ver-sunken, an den Vorgärten der alten Prachtvillen vorüber. Hier eine kleine Mauer mit aufgesetzten, kunstvoll geschmiedeten Gittern versehen, um Vorübergehenden einen genussvollen Durchblick in den idyllisch gestalteten Vorgarten zu ermöglichen. Dort ein Vorgarten, eingezäunt von meterhoher Ahorn-hecke die, durch in Abständen ausgeschnittene runde Löcher, die Neugier der vorbeieilenden Leute weckte und durch Ihre Größe Einblick in die dahinter liegenden Gärten zuließen. All das hatte sie schon hundertmal und öfter gesehen. Sie hatte damals auf Zehenspitzen hier gestanden und neugierig durch die Hecke und über die Zäune geschaut. Sie kannte jedes Haus, jeden Garten, wann was blühte, wann jemand Zuhause zu sein schien, da das Licht brannte; wer verreist war, wann der Gärtner die Hecke wieder schnitt und was sonst noch passierte. Nur die Menschen hatte sie weder  gesehen, noch gesprochen.
Heute war es zu dunkel; obwohl der Mond ab und zu sein fahles Licht am Rand einer Wolke vorbei schob, im nächsten Augenblick war er wieder hinter einer anderen Wolke verschwunden.
Ein leichter Wind kam auf, schüttelte die herbstlichen Bäume, die entlang der Strasse beiderseits standen und alleeartig einsäumten, so dass es raschelte und rauschte.
Unbehagen beschlich sie. Unwillkürlich legte die junge Frau einen Schritt zu. Da, war das nicht ein Blitz? Schon fielen die ersten schweren Tropfen auf das Grau der trockenen Strasse und einen Atemzug später prasselte schwerer Regen hernieder.
Schon fast völlig durchnässt versuchte sie Schutz im Hecken-bogen eines Garteneingangs zu finden. Inzwischen stürmte es gewaltig, es blitzte und donnerte. Der Regen, jetzt wolkenbruchartig, durchnässte sie vollends.    Bei diesem Wetter schaffte sie es nicht, die noch etwa hundert Meter bis zu ihrem Haus zu laufen. So stand sie im Hecken-bogen und wartete, dass das Unwetter ein Ende nehmen würde. Sie merkte nicht einmal, wie sich das Wasser den Weg durch  das Gestrüpp des Bogens bahnte und nun in noch größeren Tropfen auf sie niederging. Krampfhaft hatte sie sich gegen den Sturm gestemmt, der sie von vorn immer wieder in wilden Böen anging. Ab und zu fuhr ein Auto die Strasse entlang, erkennbar nur durch die aufblitzenden Scheinwerfer, die sich streifenähnlich auf dem nassen Asphalt widerspiegelten.
Sie hoffte sehr, bald ihren Weg fortsetzen zu können. Sie fror in der durchnässten Kleidung, die ihr nun wie eine zweite Haut auf dem Leib klebte. Sie war müde zum Umfallen und fühlte sich einsam und verlassen.
Keine Menschenseele in Sicht, nichts regte sich. Kein Hund, keine Katze, kein Vogel. Irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene. ,,Die Feuerwehr", dachte sie, ,,da hat der Blitz eingeschlagen!" Plötzlich spürte sie einen Widerstand hinter sich, nur ganz leicht, und dann tat ihr Fuß einen Schritt rückwärts, weil sich dieser Widerstand zu bewegen schien. ,,Ach ja, eine Gartenpforte!", durchfuhr es sie, ,,wieso war die offen?" Sie er-innerte sich diese beim Vorbeigehen stets geschlossen gefunden zu haben, aber sie konnte sich auch irren.
Noch immer regnete es stark und das Wasser lief ihr aus dem Haar über das Gesicht, zerstörte ihr Make-up, das sie morgens immer sehr sorgfältig anlegte. Sie drehte sich ängstlich um und konnte nur mit Mühe die Umrisse des Hauses erkennen.
Mit dem Jackenärmel wischte sie sich das Wasser mit der herunterlaufenden Wimperntusche aus dem Gesicht, nicht zum ersten Male. Ihr ängstlicher Blick wanderte zum Haus, suchte die Fenster ab. Nirgendwo brannte Licht. Es machte einen so leeren Eindruck. Es schien niemand im Haus zu sein und sie gestand sich mutig ein dort vorerst, unter dem Vordach des Hauses, Schutz vor dem Regen  finden zu können.
Auf zwei schlichten Säulen, die nach obenhin in sehr gefälliger Blattornamentik endeten, ruhte ein leicht abgeschrägtes Vordach, was sinnvoller Weise an einem Erker endete, der, durch seine bunte, fast undurchsichtige Bleiverglasung, märchenhaft anmutete.
Ein paar schnelle Schritte brachten sie in das trockene und schützende Gewahrsam. Aber es umfing sie hier umso mehr tiefste Dunkelheit. So allein in einem ihr fremden Hauseingang zu stehen machte ihr ein ungutes Gefühl.
Am Schlüsselbund, in ihrer Umhängetasche, wusste sie eine Minitaschenlampe, klein aber mit hellem Strahl. Schnell hatte sie das Schlüsselbund in ihrer Hand, erfühlte gewohnheitsgemäß das Lämpchen und drückte mit dem Daumen das Licht an. Mit dem winzigen Strahl leuchtete sie die Tür an und tastete sich von unten nach oben voran, um einen Eindruck von der Tür dieses Hauses zu gewinnen. Sie erstaunte sehr, denn diese gewaltige Eingangstür ähnelte eher einer Pforte. Erstellt aus dem tropischem Wenge Holz und vollständig mit wundervollen Schnitzereien übersät. Exotische Blätterranken, unterbrochen von Lilienblüten, Kleingetier tropischer Art, Sonne, Mond und Sterne, Wasser und Fische, wundersam miteinander kombiniert, ein Kunstwerk ohnegleichen. Ja, sie kannte sich ein wenig aus, schließlich hatte sie ein paar Semester Kunst studiert.
Es hatte sie so in den Bann gezogen, dass sie den Regen vollständig vergaß. So spürte sie nicht einmal die Nachtkälte, die durch ihre nasse Kleidung fast bis auf die Haut drang.
Der Lichtkegel dieser winzigen Taschenlampe war einzig und allein dafür gedacht ein Schlüsselloch zu finden, nicht aber in dunkler Nacht großartige Kunstwerke auszuleuchten.
Ein unbändiger Zwang veranlasste sie das Lämpchen in die andere Hand zu wechseln, um mit ihrer rechten Hand die er-habenen Ornamente befühlen zu können. Ganz vorsichtig tastete sie Blatt für Blatt, Blume für Blume ab, die Tiere, die Gestirne, das Wasser. Es fühlte sich so wundersam an. Sie war fasziniert und hingerissen von der Schönheit, der Kunst und der Fantasie derer, die dieses Kunstwerk erschaffen hatten. Sie fühlte wie sie langsam hinein glitt in das Dargestellte.
Das Lämpchen in ihrer Hand würde vielleicht bald erlöschen;  sie aber tastete noch immer mit zarten Fingerspitzen über Wel-len und Ornamente, als sei sie eine Blinde und lese mit ihren Fingern einen Roman aus diesem hölzernen Gebilde.
Sie hatte Zeit und Raum  vergessen, Donner und Blitz erreichten sie nicht mehr, so sehr war sie fasziniert von diesem Kunstwerk. Sie  stand und fühlte noch immer entlang dieser Tür, die sich nun leicht zu bewegen schien. Ein schleifendes Geräusch ließ sie gespannt aufhorchen und erstarren. Vor Angst schlug ihr das Herz so heftig, dass sie glaubte es laut und deutlich  zu hören, bum bum, bum bum. Bis in die Haarwurzeln kroch diese Angst. Ihr Mund, schon zum Schrei geöffnet, blieb stumm und ausgetrocknet. Ein eisiger Schauer überlief sie. Was, was war das jetzt; was passierte  hier? Das war total unheim-lich!
Ihr kam ein seltsam eigentümlicher Duft durch den Türspalt entgegen, blumig, angenehm und überwältigend. In ihrer angstvoll erstarrten Haltung befiel sie eine eigenartige, heftige Sehnsucht, die sie nicht einzuordnen wusste und die sich ihrer zu bemächtigen drohte.

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